Bartitsu: Wehre dich wie einst der britische Meisterdetektiv Sherlock Holmes!

Bartitsu

Fast wäre die Kampfkunst der gediegenen Briten völlig verschwunden. Dem Autoren Edward Conan Doyle ist es zu verdanken, dass wir noch heute etwas mit dem Begriff Bartitsu anfangen können. Der Schöpfer des Meisterdetektivs verpasste seiner weltweit bekannten Romanfigur, nämlich die Kampfsportart Bartitsu als geniale und gleichzeitig edle Form der Selbstverteidigung.

Manch einer spricht in diesem Zusammenhang sogar vom „Prügeln wie ein Gentleman“. Doch Bartitsu ist weit mehr als eine klassische Kampfkunst oder ein hocheffizientes Nahkampfsystem. Es zeigt viel mehr die Lebenseinstellung der englischen Oberschicht um das Jahr 1900. Klassisches Kämpfen mit fiesen Tricks und spitzen Waffen und das selbst in absoluten Notlagen war ungeheuer verpönt.

Ein wahrer Gentleman musste den Straßenkampf schon mit der feinen englischen Art verbinden. Da kam das zeitgleich konzipierte Jiu-Jitsu mit Hut und Spazierstock genau richtig. Man kämpfte gediegen und noch dazu ganz schön pfiffig. Die Kampfkunst verband nämlich asiatische und europäische Techniken und machte außerdem aus Alltagsgegenständen gefährliche Waffen.

So wurden Regenschirme, Spazierstöcke, Mäntel oder auch Fahrräder zu Kampfgeräten umfunktioniert. Erfinder der Kampfkunst war der Brite Edward William Barton-Wrigth, der noch heute als Pionier der hybriden Kampfkünste in Europa gilt. Doch ist die hier gelehrte Symbiose aus Savate-Boxen, dem Spazierstockkampf La Canne und dem Dauerbrenner Jiu-Jitsu noch immer zeitgemäß? Eine spannende Frage, der wir auf den Zahn fühlen werden.

Alles Wichtige auf einen Blick:
  • Zwischen 1898 und 1902 wurde die Kampfkunstart oder genauer gesagt das Selbstverteidigungssystem im viktorianischen England entwickelt. Ziel war es eine manierliche, aber gleichzeitig hocheffiziente Nahkampftechnik für Ladys und Gentleman zu kreieren. Um dies möglich zu machen, bediente man sich Techniken aus dem Spazierstockfechten, dem französischen Savate dem Schweizer Schwingen sowie dem japanischen Jiu-Jitsu.
  • Noch immer kann man Bartitsu erlernen. Zwar muss man hierzulande oft weitere Fahrtstrecken in Kauf nehmen, aber das Ganze lohnt sich. Die englische Kunst der Selbstverteidigung ist leicht erlernbar und auch heutzutage absolut praxisrelevant. Wer einmal einen kleinen Eindruck gewinnen möchte, braucht sich nur die letzte Sherlock-Holmes-Verfilumng anzusehen. Die Kampfszenen demonstrieren sehr schön die Vielseitigkeit des Bartitsu.
  • Diese Kampfkunst schafft ihre ganz eigene Atmosphäre. Wer möchte denn nicht wie ein britischer Gentleman auf der Straße kämpfen?! Allerdings geht es in einer echten Notlage nicht nur darum Angriffe elegant abzuwehren. Aber keine Sorge. Effektiv ist die englische Kampfkunst auf jeden Fall. Man sollte sie aber trotzdem eher als Ergänzung zu klassischem Jiu-Jitsu oder Krav Maga sehen. Nicht zuletzt, da die Kursangebote recht überschaubar und weit verstreut in Deutschland sind.

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Wie ist Bartitsu in England entstanden?

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Der Erschaffer dieser Kampfkunst war ein lebenserfahrener Mann. Heute würde man von einem erfolgreichen Jetsetter sprechen. Der 1860 in Indien geborene Edward William Barton-Wrigth wuchs in Frankreich und Deutschland auf. Als erfolgreicher Ingenieur hatte er zudem die Möglichkeit viele Länder und deren Kampfkünste für sich zu entdecken. All diese Eindrücke und Erlebnisse ermöglichten es ihm schließlich Bartitsu zu kreieren.

Vor allem seine arbeitsbedingter Aufenthalt in Japan prägte den Kampfsportler stark. Er war begeistert vom dort gelehrten Jiu-Jitsu. Ganz besonders gefiel im dabei die Maxime, die Kraft des Kontrahenten gegen ihn zu nutzen. Als er einige Jahre später wieder nach England zurückkehrte, wollte er auch dort die fernöstlichen Kampftechniken lehren. Allerdings interessierte sich im Mutterland des modernen Boxens niemand für solche asiatischen Kampfsportarten und ihre Vorzüge.

Geheimnisvolle Morde verhelfen dem Bartitsu zum Durchbruch:

Erst eine raffinierte Vermarktungsstrategie verhalf dem Bartitsu zum kleinen Durchbruch. Zur damaligen Zeit kam es immer wieder zu Überfällen am helllichten Tage und sogar Morden in den dunklen Abendstunden. Das frühere London kann man also getrost als Moloch bezeichnen. Nicht zuletzt aufgrund von Jack the Ripper, der die Bevölkerung noch zusätzlich in Angst und Schrecken versetzte.

In jenen Tagen war es also nicht möglich sorglos durch die Stadt zu spazieren. Man musste immer mit einem Angriff auf das eigene Leib und Leben rechnen. Da kam die Nahkampftechnik von Edward William Barton-Wrigth genau recht, um sich effektiv und gleichzeitig manierlich zu verteidigen. Außerdem warb er damit, dass man keine rohe Kraft besitzen müsse, um das kriminelle Gesindel in die Flucht zu schlagen.

So soll man mithilfe der Techniken jeglicher Form von Attacken gewachsen sein, ließ der renommierte Ingenieur immer wieder in der Presse verlauten. Dank der revolutionären Ansätze sei dies problemlos und damit für jedermann möglich. So solle man beispielsweise das Gesicht des Aggressors in Windeseile mit dem eigenen Mantel bedecken können, um ihn dann schließlich mit nur einem Schlag außer Gefecht setzen zu können.

Die Techniken klingen simpel und sind gleichzeitig vielversprechend:

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Nicht nur die am Körper getragene Kleidung stellt einen wichtigen Baustein der Selbstverteidigung im Bartitsu dar. Auch der Spazierstock, der Regenschirm oder das Fahrrad waren wichtige Waffen im Kampf gegen den gewieften Gassenpöbel. So soll man mit einem handelsüblichen Spazierstock die Halsschlagader eines Mannes durchtrennen können. Auch ließe sich ein Messer oder Stab mithilfe des Gehstocks in wenigen Sekunden abwehren.

Des Weiteren sei es möglich das Bein des Gegners zwischen Rad und Rahmen eins damaligen Fahrrads einzuklemmen und ihn so bis zum Eintreffen der Chandarmerie zu fixieren. Die blumigen Versprechen und neuartigen Techniken verhalfen dem Bartitsu schnell zu einer wachsenden Beliebtheit unter den betuchten Londonern. Trainiert wurde zu dieser Zeit in einer unterirdischen, weiß gefliesten Halle mit elektrisch funkelnden Lichtern.

Das Ambiente war also ebenso edel wie das im Trainingszentrum verkehrende Publikum. Auf Fotos wurde immer wieder eindrucksvoll festgehalten, wie sehr die Kampfkunst der vorherrschenden Attitüde der aufrechten, offiziershaften Nahkampfkunst entsprach. Allerdings geriet die Schule schon nach 2 Jahren in finanzielle Schieflage und musste schließlich für immer geschlossen werden. Bartitsu geriet daher schnell in Vergessenheit.

Gut zu wissen:
Dass wir heute überhaupt noch über diese Kampfsportart berichten können, haben wir der Bartitsu Society zu verdanken. Diese Ende des 20. Jahrhunderts gegründete Organisation macht es sich zur Aufgabe Bartitsu wieder zum Leben zu erwecken. Zu diesem Zwecke werden im Moment sogar Bücher und DVDs auf der ganzen Welt für kleines Geld vertrieben. Auch werden immer wieder tiefgründige und günstige Seminare veranstaltet.

Was zeichnet Bartitsu eigentlich aus?

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Die Symbiose aus Kampfkunst und Selbstverteidigungssystem macht Bartitsu für uns so interessant. Aber auch die Tatsache, dass man hier Eleganz und Wirkungsgrad so geschickt miteinander verbindet, begeistert uns wirklich sehr. Und als wäre dieser Spagat noch nicht genug, kann man je nach Situation und Laune aus einem breiten Fundus an hocheffizienten Techniken zurückgreifen.

Besonders faszinierend sind dabei die Kampftechniken mit dem Fahrrad, dem Regenschirm und natürlich dem ganz normalen Spazierstock. Gerade in der Selbstverteidigung eröffnen einem diese Methoden ganz neue Wege. Welch ein Angreifer rechnet schließlich damit, dass man das Fahrrad zur Fixierung und nicht etwa als Schlagwaffe nutzt oder ihn gar mit dem eigenen Mantel im Nahkampf ablenkt?!

Genau diese Vielseitigkeit ist der Grund, warum wir Bartitsu so faszinierend finden. Und nicht vergessen darf man dabei die elegante und natürlich auch etwas elitäre Grundhaltung des aufrechten, offiziershaften Kampfes. Als wäre das noch nicht genug der Lobhudelei, ist die britische Kunst der Selbstverteidigung nicht nur äußerst wirkungsvoll, sondern die Ausübung der Technik macht wirklich großen Spaß.

Man fühlt sich immer wieder wie ein betuchter Londoner, der einen Angreifer mithilfe seines Spazierstocks nicht nur abwehren, sondern auch jederzeit kampfunfähig machen kann. Und das ganz ohne die Komfortzone des manierlichen Kampfes zu verlassen. Natürlich gibt es aber auch einmal Situationen, wo man anders agieren muss. Genau dann hat man die Qual der Wahl aus zahlreichen waffenlosen Techniken.

Gut zu wissen:
Im London des 20. Jahrhunderts war es einem nicht mehr erlaubt sichtbare Klingenwaffen zu führen. Gerade deshalb ist der Anteil der Stockkampftechniken im Bartitsu so enorm hoch. Aber auch das damals so beliebte Bare Knuckle Boxen hatte großen Einfluss auf die Vorgehensweise. Wie es damals noch üblich war, gibt es deswegen weniger Haken und mehr gerade Stöße mit einer vertikalen Faustposition.

Was sollte man noch alles wissen?

FAQ

Seitdem der bekannte Schauspieler Robert Downey Jr. in seiner Paraderolle als Sherlock Holmes die Vorzüge des Bartitsu gezeigt hat, steigt das Interesse an dieser Kampfsportart wieder etwas an. So erreichen uns immer mal wieder interessante Fragen rund um die Nahkampfkunst der englischen Ehrenmänner. Deshalb und um euch noch mit mehr interessanten Informationen versorgen zu können, haben wir ein kleines FAQ gebastelt:

Eignet sich Bartitsu nur für die gehobene Gesellschaft als Nahkampfsystem?

Der Gedanke an edle Gehstöcke aus allerfeinstem Holz oder lange, dunkle Mäntel aus bestem Stoff lässt hier einen etwas falschen Eindruck aufkommen. Die Techniken können natürlich auch mit einem stabilen Regenschirm oder gar einer Krücke ausgeführt werden. Auch braucht man heutzutage keinen teuren Mantel mehr, um das Gesicht eines Angreifers vor dem ersten richtigen Angriff zu bedecken.

Schließlich benutzt man inzwischen in einer Notsituation zum Beispiel auf Distanz einsetzbare Selbstverteidigungswaffen wie Pfefferspray oder auch taktische Taschenlampen zum Blenden eines Angreifers. Bartitsu ist aufgrund dessen eher eine Trainingsergänzung für Anhänger klassischer Nahkampfsysteme. Nicht zuletzt, da es nur wenige Kursanbieter im deutschsprachigen Raum gibt.

Stockkampf und Bartitsu sind dasselbe, oder etwa nicht?

Gerade die zahlreichen Techniken mit dem Spazierstock zeichnen das englische Nahkampfsystem aus. Allerdings werden auch andere Gegenstände als behelfsmäßige Waffe genutzt. So sind gerade die Verteidigungstechniken mit dem Fahrrad eine interessante und sicherlich sinnvolle Sache. Darüber hinaus behandelt die Kampfkunst auch klassische Dinge, wie Drills, Bewegungslehre oder Hebel und Würfe.

Im Großen und Ganzen orientiert sich Bartitsu bei seinen Techniken an diesem Kampfsportarten: Jiu-Jitsu, Savate, Scientific Boxing, Spazierstockfechten, dem Schwingen sowie dem modernen Wing Chun. Da diese Kampfkunst erst nach einigen Jahren wieder entdeckt wurde, befindet sie sich noch in einer raschen Weiterentwicklung. So gibt es immer mal wieder Revisionen und Anpassungen an die heutigen Bedürfnisse.

Gerade das macht den Reiz dieser gleichzeitig alten und modernen Nahkampfkunst aus. Diskutiert und auch angepasst wird hier viel und so sind wir sehr gespannt darauf, worin sich die originale Kampfkunst, also das kanonische Bartitsu, vom neuartigen Bartitsu, dem sogenannten Neo-Bartitsu, langfristig unterscheiden wird. Eines ist dabei aber sicher. Es werden immer mal wieder Techniken aus anderen Kampfsportarten dazu kommen.

Über Timo Meyer, Judoka (1. Dan) 38 Artikel
Er ist seit mehreren Jahren begeisterter Judoka und verfügt über ein breit gefächertes Fachwissen in Sachen Kampfkünste und Kampfsport. Als Experte schreibt er hier über alle möglichen Themen rund um Kampfsport. Sein Motto lautet: Man kann dir den Weg weisen, doch gehen musst du ihn selbst.