Bodenkampf: früher eher unterschätzt, heute dafür überlebenswichtig!

Bodenkampf-Selbstverteidigung

Unter dem Begriff Bodenkampf versteht man im militärischen Bereich den Einsatz von Bodentruppen. In diesem Ratgeber soll es aber nicht um Infanteristen und deren wichtigen Einsatz gehen. Wir möchten das Kämpfen am Boden aus der Sicht von Kampfsportlern und Selbstverteidigungsschülern behandeln.

Erfahrene Athleten wissen schon lange, dass die meisten Kämpfe am Boden entschieden werden. Der breiten Masse wurde dieser Umstand aber erst bewusst als der Kampfsport Mixed Martial Arts (MMA) salonfähig wurde. Hier zeigte sich ganz klar, dass man ohne Bodenkampffähigkeiten binnen kürzester Zeit als gedemütigter Verlierer vom Platz ging.

Doch wer sollte sich intensiver mit dem Bodenkampf auseinandersetzen, wer kann ihn eher vernachlässigen und wie setzt man Bodenkampftechniken im Rahmen der Selbstverteidigung ein? Diese Fragen und noch viele mehr werden wir in den folgenden Zeilen beantworten.

Alles Wichtige auf einen Blick:
  • Der Bodenkampf ist nicht nur in vielen Kampfsportarten ein entscheidender Faktor. Auch bei der Selbstverteidigung und der Anwendung von unmittelbarem Zwang sind grundlegende Fähigkeiten enorm wichtig.
  • Der Kampf am Boden besteht je nach Sportart aus Schlägen, Stößen, Würgern, Fingerstichen und diversen Kampfpositionen zum Kontrollieren des Gegners. Zudem gibt es verbotene Trefferzonen, Techniken und andere Wettkampfregeln.
  • Beim Bodenkampf auf der Straße gibt es viele unsportliche Taktiken. So wird gebissen, gekratzt oder in die Augen gestochen. Häufig kommen auch gefährliche Gegenstände oder Waffen zum Einsatz.

Warum ist der Bodenkampf so wichtig?

Kampfsportarten wie Ringen, Grappling, Luta Livre, Sambo oder Brazilian Jiu Jitsu werden weltweit immer beliebter. Dabei beschäftigen sich allerdings nicht nur ambitionierte MMA-Fighter mit dem Erlernen der Techniken. Ebenfalls wird im Bereich der professionellen Selbstverteidigung immer mehr Elemente aus den obigen Kampfsportarten gelehrt. Gerade zur Anwendung unmittelbaren Zwangs eignen sich viele der Techniken.

Polizisten und Sicherheitsmitarbeiter nutzen diese also zum schnellen und effektiven Fixieren von Personen am Boden. Selbstverteidigungsschüler hingegen sollten das Training eher als wertvolle Erfahrung sehen. Im Bereich Selbstschutz vermeidet man den Kampf am Boden nämlich so lange es möglich ist. Trotzdem sollte man wissen, wie man sich aus klassischen Bodenkampftechniken befreien kann.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass sich MMA-Fighter, Sicherheitskräfte sowie Selbstverteidigungsschüler intensiver mit dem Bodenkampf auseinandersetzen sollten. Ein regelmäßiges Training ist daher absolut Pflicht. Nicht zuletzt, um sich besser gegen Takedwons schützen zu können. Ansonsten wird man innerhalb weniger Sekunden von einem gut geschulten Grappler kampfunfähig gemacht.

Gut zu wissen:
In vielen Selbstverteidigungskursen für Frauen werden Bodenkampftechniken gelehrt mit denen man sich gegen Vergewaltigungen schützen kann. Wichtig ist hierbei zum Beispiel die Befreiung aus der Mount-Stellung. Hier sitzt der Vergewaltiger auf dem Brust- und Bauchbereich der Frau.

Was genau ist eigentlich Bodenkampf?

Noch immer gibt es keine allgemeingültige Definition. Wir verstehen darunter erst mal alle Kampfhandlungen, die am Boden durchgeführt werden. Dies können beispielsweise Würger, Schläge, Fingerstiche, Knie- oder Kopfstöße sein. Geübte Kämpfer nutzen aber auch Hebeltechniken, Konter sowie verschiedenste Positionen, um einen Gegner nach Strich und Faden zu dominieren.

Oft wird der Begriff Grappling als Synonym für Bodenkampf benutzt. Allerdings liegt der Schwerpunkt hierbei eher darin den Gegner in eine unvorteilhafte Position zu bringen und ihn damit bewegungsunfähig zu machen. Ziel ist es dann ihn zum Aufgeben zu zwingen. Der Bodenkampf im MMA sowie auf der Straße ist allerdings um ein Vielfaches härter. In der Praxis sieht man häufig auch verschiedenste Schwerpunkte.

Wie schaut der Bodenkampf in der Realität aus?

Je nach Einsatzzweck wird man manche der Methoden öfter oder seltener zu Gesicht bekommen. Polizisten oder Sicherheitsmitarbeiter arbeiten eher weniger mit Stößen und Schlägen. Sie setzen meist auf Hebel und die optimale Kampfposition. Bei der Selbstverteidigung auf der Straße wird hingegen alles genutzt.

Allerdings kann man oft beobachten, dass der Großteil der Angreifer auf Schläge und Stöße zurückgreift. Sobald der Aggressor sein Opfer unter Kontrolle gebracht hat, kommt es häufig zu einem wahren Exzess. Des Weiteren fallen unserer Meinung nach auch viele Vergewaltigungen (§ 177 StGB) unter das Prädikat Bodenkampf.

Erst bringt man nämlich das Opfer erfolgreich zu Boden und versucht es dann mit verschiedenen Kampfpositionen zu kontrollieren. Beherrscht man als Frau nur ein paar wenige triviale Bodenkampftechniken kann man sich häufig binnen weniger Sekunden aus der gefährlichen Lage befreien. Der Begriff Bodenkampf steht also für verschiedenste Positionen und Techniken.

Gut zu wissen:
Zum Thema Bodenkampf gehört natürlich auch die aus vielen Kampfsportarten bekannte Fallschule. In puncto Selbstverteidigung funktioniert diese aber eher weniger. Zu groß ist die Bandbreite an Auslösern für Stürze. Jede Situation kann man also nicht einstudieren. Wichtig ist es daher zu wissen, dass man seinen Kopf um jeden Preis bei einem Sturz schützen muss.

Wie passen Bodenkampf & Selbstschutz zusammen?

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Aus meiner persönlichen Erfahrung nach enden viele Straßenkämpfe am Boden. Es gibt sogar Statistiken nach denen mehr als 70 % der Fights am Boden entschieden werden. Ob dem so ist, weiß ich aber nicht. Schließlich findet man auch zuhauf Studien laut derer ein Kampf auf der Straße gerade mal 3 bis 10 Sekunden dauern soll.

Hier fehlt es dann doch etwas an der Zeit, um jemanden erfolgreich zu Boden zu bringen und dort dann auch gleich zu bezwingen. Die Wahrheit wird wohl irgendwo in der Mitte liegen. Sicher ist auf jeden Fall, dass man im Rahmen der Selbstverteidigung den Bodenkampf beherrschen muss. Dazu gehört allerdings auch das schnelle Niederringen eines Angreifers.

Hierbei geht es aber weniger darum selbst aktiv zu werden, als die Versuche des Gegenübers zu erkennen und zu blocken. Findet man sich dann trotzdem am Untergrund wieder, muss man schnellstmöglich aufstehen können. Damit dies gelingt, sollte man ein kleines Repertoire an Techniken und Positionen im Grappling beherrschen. Keinesfalls sollte man bei der Selbstverteidigung zu lange am Boden sein Glück versuchen.

Warum ist der Kampf am Boden so riskant?

Gerade bei Sicherheitskräften sieht man immer wieder, dass diese ihr Gegenüber zu Boden bringen und dort fixieren. Daher sind viele unerfahrene Kämpfer und Laien der Meinung, dass der Bodenkampf das Nonplusultra bei der Selbstverteidigung ist. Dem ist aber überhaupt nicht so:

  • Beweglichkeit: Am Boden kann man sich weder schnell bewegen noch ausreichend Abstand zum Angreifer gewinnen. Man ist daher selbst für Laien leicht zu fangen und damit zu kontrollieren. Gerade mehrere Aggressoren haben nun leichtes Spiel. Einer hält das Opfer und der Rest tritt und schlägt auf es ein. Daher darf man bei mehreren Angreifern niemals aktiv den Bodenkampf suchen.
  • Techniken: Wer nicht regelmäßig am Boden kämpft und zudem nicht besonders stark ist, hat größte Schwierigkeiten einen erfolgreichen Gegenangriff zu starten. Man kann bei Schlägen, Stößen und Tritten sein Gewicht kaum als Verstärker nutzen.
  • Zeit: Am Boden tickt die Uhr gegen dich als Verteidiger. Selbst ein geübter Ringer braucht relativ lange, um den Angreifer in die richtige Position zu bringen und ihn dann zu besiegen. Diese Zeit hat man bei der Selbstverteidigung aber nicht. Das oberste Gebot in puncto erfolgreicher Selbstverteidigung ist ein schnelles Handeln gepaart mit weglaufen.

Viele Menschen vergessen immer wieder, dass es bei einem Straßenkampf keine Regeln gibt. Wer mit seinem Angreifer ringt, begibt sich leider oft in akute Lebensgefahr. Viele Aggressoren sind am Boden nämlich so überfordert und verängstigt, dass sie nun ihre mitgeführten Waffen nutzen. Da man nun nicht mehr ausweichen kann, ist man Messern und Schlagwaffen schutzlos ausgeliefert.

Welche Postionen existieren beim Kämpfen am Boden?

Es gibt unzählige Postionen beim Bodenkampf. Manche von ihnen sind sogar so komplex, dass man zig Stunden trainieren muss, um sie grundlegend zu beherrschen. Allerdings gibt es auch 3 Standard-Positionen am Boden. Da wäre einmal der Full Mount. Hier sitzt der Angreifer auf dem Bauch oder der Brust seines Opfers. Die Angriffe bestehen in 99 % der Fälle aus Schlägen. Leider meist in Richtung Kopf.

Eine eher neutrale Position ist der Guard. Hier liegt der Verteidiger auf seinem Rücken und hat den Rumpf des Angreifers mit seinen Beinen umschlungen. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Aggressor kniet oder steht. Beim Straßenkampf sind nun Schläge in die Genitalien Ziel der Position. Wer möchte, kann aber auch Tritte nutzen, um wieder in den Stand zu gelangen.

Ebenfalls sehr häufig kann man in Selbstverteidigungssituationen beobachten, wie der Eine steht und der Andere am Boden liegt. Der stehende und damit dominante Gegner fixiert den Liegenden mithilfe des Aufstützens seines Fußes. Oft kommt es dabei noch zu Tritten in die Magen- oder Rippengegend des Opfers. Zum Glück kann man den Angreifer mithilfe einfachster Techniken zu Fall bringen.

Damit gemeint sind nicht einmal Fußtechniken deren Ausführungen an das Schließen einer Schere erinnern. Oftmals genügt es den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. In der Praxis reichen dafür meist schon Tritte von der Seite in die Unterschenkel des Angreifers. Allerdings ist das Erlernen und Beherrschen richtiger Techniken immer besser im Ernstfall.

Gut zu wissen:
Bei der Selbstverteidigung auf der Straße gibt es in puncto Bodenkampf 2 Grundsätze: Gehe am besten niemals selbst zu Boden. Natürlich kann man dies nicht immer verhindern. Sollte es also so weit gekommen sein, stehe so schnell es geht wieder auf. Damit dies gelingt, musst du ein paar grundlegende Techniken und Positionen beim Kämpfen am Boden kennen.

Worauf kommt es als MMA-Fighter an?

Bei Mixed Martial Arts ist der Name Programm. So haben sich die Bodenkampftechniken stetig weiterentwickelt und entspringen den unterschiedlichsten Kampfsportarten. Daher muss man hier auf eine große Bandbreite setzen. Für die Auswahl der passenden Kampftechniken sollte man seine Fähigkeiten und Schwächen genauestens. Ansonsten versteift man sich zu schnell auf unvorteilhafte Takedowns, Hebeltechniken und Würger.

Sehr beliebt sind diese Bodenkampftechniken im MMA:

  • Gelenkhebel,
  • Halte-, Würge-, Klammergriffe
  • Schläge
  • Stöße
  • Sweeps
  • Würfe / Takedowns

Allerdings reicht eine saubere Durchführung dieser Techniken heutzutage nicht mehr aus, um den Käfig als Sieger zu verlassen. Die Kraft ist nämlich ein häufig unterschätzter Faktor. Zumindest gilt dies für Hobbysportler. Kraft allein ist aber nicht der komplette Trainingsinhalt im Fitnessstudio. Schließlich ist man kein Bodybuilder. Es gilt die richtige Balance zwischen Kraft- und Ausdauertraining zu finden.

Gut zu wissen:
Viele Athleten kämpfen lieber im Stehen und legen ihren Schwerpunkt daher zu sehr auf das Kämpfen im Stand. Selbst wenn man den Gegner nicht aktiv zu Boden bringen möchte, muss man mindestens wissen wie man sich am Boden befreit, um wieder im Stehen weiterkämpfen zu können. Außerdem nutzt einem das Wissen, damit einem ein gut geschulter Gegner einen nicht gleich beim ersten Versuch zu Boden bringt.

Was sollte man noch wissen?

FAQ

Der Bodenkampf wird in vielen Selbstverteidigungskursen nur kurz angesprochen. Aber auch der ein oder andere Kampfsportinteressierte hat uns Fragen zu diesem Thema zukommen lassen. Daher haben wir ein kleines FAQ erstellt, damit du noch mehr Tipps & Tricks rund um das Kämpfen am Boden bekommst.

Kann man allein Bodenkampfübungen durchführen?

Ja. Einerseits kann man sich auf sogenannte Solo Drills konzentrieren. Mit denen steigert man aber nur seine Beweglichkeit. Möchte man hingegen seine Techniken verbessern oder neue erlernen, sollte man sich einen Grappling Dummy zulegen. Dieser eignet sich wohl für Kampfsportler, Kampfkünstler als auch Selbstverteidigungsschüler.

Hierbei handelt es sich um eine gefüllte Puppe mit der man so gut wie jede Technik einstudieren kann. Und der Clou an der Sache ist der, dass es die Dummys bereits für kleines Geld gibt. Wer auf der Suche nach dem nützlichen Trainingstool ist, sollte auch Begriffe wie Judopuppe oder Ringerpuppe nutzen.

In welchen Kampfsportarten gibt es den berüchtigten Bodenkampf?

Das Kämpfen am Boden wird in fast allen Kampfkünsten praktiziert. In manchen von ihnen stellt es sogar den absoluten Schwerpunkt dar. Bekannt für spektakuläre Bodenkampftechniken sind Brazilian Jiu Jitsu, Grappling, Hapkido, Jiu Jitsu, Ju Jutsu, Judo, Luta Livre, Ringen, Sumo Ringen, Systema, Schwingen, Vovinam & Sambo.

Darüber hinaus wird sogar in der israelischen Selbstverteidigungssportart Krav Maga verstärkt auf den Bodenkampf gesetzt. Dies liegt aber weniger an der Effektivität als am behördlichen Hintergrund. Aggressoren lassen sich nämlich noch immer am besten im Liegen fixieren.

Über Fabian Wüst, Coach & Berufswaffenträger 101 Artikel
Er ist erfolgreicher Trainer in Sachen Selbstverteidigung und sammelte wichtige Erfahrungen als Geldtransportfahrer, Bahnschutzmitarbeiter und Objektschützer für das Militär. Auf dieser Webseite teilt er sein erlangtes Know-how mit dir. Sein Motto lautet: Schütze dich und deine Liebsten!