Experteninterview: Jenny Newiak über Selbstbehauptung, Deeskalation & Verhandlungsstrategien

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Heute interviewen wir Jenny Newiak. Sie ist bekannt für ihre Kurse rund um Selbstbehauptung und Konfliktkommunikation. Auch Selbstverteidigungskurse gibt die erfahrene Trainerin.

Wir löchern sie heute mit spannenden Fragen über Körpersprache, Verhalten in Konfliktsituationen und Selbstbehauptung. Zum Schluss gibt Sie noch 3 interessante Selbstverteidigungstipps.

Guten Tag Frau Newiak. Bitte stellen Sie sich kurz vor.

Ich heiße Jenny Newiak und bin Jahrgang 1980. Nach meinem Abitur habe ich eine Ausbildung zur Pferdewirtin Zucht und Haltung absolviert.

Danach habe ich mich zur Reitlehrerin und Trainerin im Fahren (Kutsche) weiterqualifiziert. Derzeit arbeite ich hauptberuflich als freiberufliche, mobile, klassische Reitlehrerin.

Im Nebenberuf bin ich Trainerin für Selbstbehauptung und Selbstverteidigung (SBSV) und Fachpädagogin für Konfliktkommunikation.

Ich unterrichte SBSV an Schulen, VHS, bei privaten Trägern und Vereinen, außerdem bilde ich Pädagoginnen weiter und begleite die Seminararbeit von FSJlerinnen beim DRK.

Bei Ihren Kursen ist sicheres Auftreten und Selbstbehauptung ein wichtiger Punkt. Worauf sollte man achten?

SB beginnt nicht erst dann, wenn ich physisch angegriffen werde.

Meistens geht es eher um kleine Situationen im Alltag, wenn mich z.B. auf Arbeit ein Kollege zutextet, ich aber meine Ruhe zum Arbeiten brauche oder unterwegs in der Bahn, wenn jemand zu laut Musik hört und ich erreichen möchte, dass er sie leiser dreht.

Bei kleineren Regelverstößen hilft eine freundliche Bitte, gekoppelt mit der Äußerung meines Bedürfnisses viel mehr weiter, als ein Befehl und/ oder eine Beschimpfung, z.B. über die „unmöglichen Jugend von heute“.

Solche kleinen Situationen geschickt und freundlich, aber trotzdem klar und selbstbewußt verhandeln zu lernen, darum geht es zum einen Teil in meinen Kursen.

Anders ist es natürlich in Situationen, wo ich z.B. körperlich bedrängt werde.

Da helfen kurze, klipp und klare Ansagen, mit lauter Stimme, dass ich das nicht will, zusammen mit einer aufgerichteten Körperhaltung und einem geraden Blick.

Auch das trainiere ich mit den Leuten.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit ist Deeskalation. Welche Tipps können Sie unseren Lesern geben?

Grundsätzlich gilt, dass, wenn ich in einer gefährlichen Situation weglaufen kann, ich diese Chance auch immer nutzen sollte.

Außerdem ist es wichtig in Konfliktsituationen auf der Straße nicht „anzudocken“. D.h. ich muss auch nicht über jedes Stöckchen springen, das mir jemand hinhält.

Mit einer pöbelnden Gruppe Betrunkener muss ich nicht diskutieren. Es ist viel klüger denen – wann immer möglich – einfach aus dem Weg zu gehen, die Straßenseite zu wechseln – ein Verhalten, was insbesondere Männern schwerfällt.

Muss ich einem anderen Menschen, der bedroht wird zur Hilfe kommen, versuche ich bspw. das Opfer aus der Situation herauszuholen, statt gegen die Täter*innen zu agieren oder ich kann versuchen ein Ablenkungsmanöver zu starten, etwa mich „verrückt“ zu verhalten.

In die Konfrontation gehe ich nur, wenn es nicht zu vermeiden ist. Dann ist es wichtig die Angreiferinnen/ Täterinnen nicht zu beleidigen, sie nicht anzufassen und ihnen auf jeden Fall einen Fluchtweg offenzulassen.

Auch Verhandlungsstrategien lehren Sie. Nennen Sie uns doch ein Beispiel.

Worum es beim „Verhandeln auf der Straße“ geht, habe ich eigentlich schon oben beschrieben.

Nochmal anders ist die Situation für Pädagoginnen oder Sozialarbeiterinnen, weil diese, im Gegensatz zu Straßensituationen die Situation, wenn z.B. ein/e Schülerin ausrastet nicht verlassen können, bzw. im Anschluß daran wieder mit der/m Schülerin bzw. Klient*in in den Kontakt kommen müssen.

Ich übe daher mit den Teilnehmer*innen viel zum Thema eigener Status und wie kann ich ihn situationsgerecht einsetzen.

Mein Status definiert sich über die Art meiner Körperhaltung/ Körpersprache (große Gesten, breiter Stand = hoher Status, enger Stand, gesenkter Blick = tiefer Status) und die Lautstärke und Art meiner Sprache.

Tieferer Status und ausdauerndes Verhandeln brauche ich bei alltäglichen, kleinen Regelverstößen, den hohen Status, um Situationen, in denen ich z.B. beleidigt werde zu begegnen.

Nicht bei jedem geringen Regelverstoß sofort in die Drohung oder Konsequenz, also in die Strafe zu gehen, Netzwerke bilden und vieles mehr.

Sie betreiben selbst auch Kampfsport. Erzählen Sie uns doch etwas mehr.

Ich trainiere seit ca. 10 Jahren Mantis Kung Fu. Kung Fu ist m.E. ein sehr ästhetischer Kampfsport, und natürlich kann ich die Schläge und Tritte, die ich dort lerne auch in einer SV Situation nutzen.

Vieles andere, z.B. Formen, Umgang mit traditionellen Kung Fu Waffen, hat in der SV keine Praxisrelevanz. Außerdem läuft im Kung Fu so ziemlich alles im Stand ab.

Da mir das nicht reichte begann ich vor etwa 7 Jahren zusätzlich Ju Jutsu zu lernen, ein offenes Kampfsportsystem, das z.B. auch bei der Polizei trainiert wird. Im Ju Jutsu gibt es neben Schlägen und Tritten auch Hebeltechniken, Würfe, Fallschule, Bodenkampf und Abwehr von Waffen.

Natürlich ist auch davon nicht alles realistisch anwendbar, aber die breite Mischung an Techniken, die man lernt macht`s.

In diesem Jahr habe ich beschlossen, dass ich noch was neues lernen möchte und habe mit historischem Fechten begonnen, also Fechten mit dem Langschwert, auch wenn das für SV Situationen ganz klar nicht nutzbar ist.

Aber es ist natürlich so, dass wenn man sehr regelmäßig irgendeinen Kampfsport trainiert, man eine andere Körperhaltung einnimmt, sich dynamischer und kraftvoller bewegt.

Allein dieses andere Auftreten, die energischen Bewegungen schrecken viele Täter*innen ab, auch wenn man selber kein Hüne ist. Ich selber bin nur 160 cm groß, aber, obwohl ich für Kurse viel allein im Zug unterwegs bin, werde ich weitgehend in Ruhe gelassen.

Die meisten Täterinnen suchen Opfer, keine Gegnerinnen.

Zum Schluss würde ich mich noch über 3 Tipps freuen, die man Ihrer Meinung nach bei der Selbstverteidigung beherzigen sollte.

1. Immer einen „Gefahrenradar“ anhaben, gerade wenn man abends/ nachts und allein unterwegs ist. Also keine Kopfhörer mit voller Dröhnung auf den Ohren haben, die Umgebung beobachten, um nicht unbemerkt angegriffen zu werden.

2. Die Gefahr meiden. Fühle ich mich in einer Situation nicht wohl, habe ich Angst, dann ist es besser die Sache zu lassen, auch wenn andere darin kein Problem sehen oder es albern finden, schon weil ich durch die Angst auch keine selbstbewußte, sichere Ausstrahlung habe, wenn ich die Sache trotzdem mache.

Viele Opfer von Gewalt sagen: „Ich hatte voher schon so ein Bauchgefühl, dass … , aber ich habe nicht darauf gehört.“ Natürlich geht es nicht darum sich in seiner Wohnung zu verbarrikadieren, aber eben auch keine vermeidbaren Risiken einzugehen.

3. Immer die Flucht wählen, wenn die Möglichkeit besteht. Wenn nicht, versuchen sich herauszuverhandeln, auch Geld und das Handy abgeben, um das eigene Leben und die Gesundheit zu schützen.

Kämpfen immer nur dann, wenn keine Wahl bleibt. Selbst für trainierte Kampfsportler*innen ist eine Straßensituation was völlig anderes, als eine gestellte Situation im Kampfsportstudio, daher sollte man sich nie selber überschätzen.

Und wenn man für Kampfsituationen vorbereitet sein will, hilft nur ein regelmäßiges Training. Tageskurse SBSV können immer nur einen Einstieg in die Thematik gewährleisten.

Auch ich selber gehe immernoch ca. 3mal die Woche zum Training und bilde mich auch in Verhandlungsstrategien regelmäßig weiter!

Vielen Dank Frau Newiak für das informative Interview!

Über Fabian Wüst, Coach & Berufswaffenträger 72 Artikel
Er ist erfolgreicher Trainer in Sachen Selbstverteidigung und sammelte wichtige Erfahrungen als Geldtransporterfahrer, Bahnschutzmitarbeiter und Objektschützer für das Militär. Auf dieser Webseite teilt er sein erlangtes Know How mit dir. Sein Motto lautet: Schütze Dich und Deine Liebsten.